Prof. Dr. Stephan Dusil (Universität Tübingen)
Geraubter Wein auf der Trave 1806
Was juristische Konsilien aus Süddeutschland zur Handels- und Wirtschaftsgeschichte des Ostseeraums bei-tragen können.
Im November 1806 verschickten die Gebrüder Müller aus Lübeck einige Fässer Wein und Branntwein nach Riga. Die Ware kam allerdings nicht einmal in Travemünde an, wo sie auf ein größeres Schiff hätte verladen werden sollen, sondern wurde auf der Trave zwischen Lübeck und Travemünde geraubt. Zu Beginn der „Franzosenzeit“ fielen diese Weinfässer also den kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer. Allerdings hatten die Gebrüder Müller vorgesorgt und eine Versicherung abgeschlossen, die sie nun in Anspruch nehmen wollten. Die Lübecker Versicherer hingegen weigerten sich, zu zahlen. Das angerufene Lübecker Gericht legte den Fall im Wege der „Aktenversendung“ der Juristischen Fakultät der Universität Tübingen vor, die ihn im Sommer 1808 entschied. Konnten sich die Händler gegen die Versicherer durchsetzen?
Der Vortrag beleuchtet ausgehend von dem Fall der Gebrüder Müller die Bedeutung juristischer Konsilien für die (Rechts-)Geschichte. Er geht verschiedenen Aspekte der Handels- und Wirtschaftsgeschichte Lübecks zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach und überlegt, inwiefern diese Konsilien aus Süddeutschland die Handels- und Wirtschaftsgeschichte des Ostseeraums erhellen können. Im Vortrag kommen auch Chancen und Grenzen KI-gestützter Auswertung von juristischem Massenschriftgut zur Sprache.
