Wenn Geschichte zum Game wird: Das Burgkloster des Europäischen Hansemuseums als mittelalterliche Spielwelt
Was ist das Mittelalter? Eine Welt der Burgen, Ritter und prächtigen Bankette? Eine Zeit von Pest, Gewalt und Entbehrung? Oder ein historischer Gegenstand, den es wissenschaftlich zu betrachten gilt? Einen erheblichen Einfluss auf unsere heutigen Vorstellungen haben längst auch Computerspiele, Brettspiele und digitale Bildwelten. Das Europäische Hansemuseum (EHM) nimmt diese Entwicklung zum Anlass für ein ungewöhnliches Ausstellungsexperiment: Ab dem 9. Oktober 2026 verwandelt sich mit »Let’s play Mittelalter« ein Teil des historischen Burgklosters in eine begehbare mittelalterliche Spielwelt. Die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dorothee Bär, unterstützt die Sonderausstellung »Let’s play Mittelalter« als Schirmherrin.
Popkultur im Museum
»Als Museum, das sich mit der Geschichte der Hanse beschäftigt, erzählen wir von einer Vergangenheit, die bis in unsere Gegenwart wirkt. Mit ›Let’s play Mittelalter‹ wollen wir nun selbst ausprobieren, wie Geschichte in einem Medium erzählt und erlebt werden kann, das für viele Menschen längst zum Alltag gehört: in Games«, sagt Dr. Felicia Sternfeld, Direktorin des Europäischen Hansemuseums. »Wir holen damit bewusst Popkultur ins Museum, öffnen uns neuen Gästegruppen und stellen zugleich die Frage, wie Museum und Geschichtsvermittlung künftig aussehen können.« Prof. Dr. Wolfgang Sandberger, der Vorstandsvorsitzende der Possehl-Stiftung, betont: »Das Spiel ist so alt wie die Menschheit – digitale Games sind seine jüngste Spielart. ›Let’s play Mittelalter‹ bringt beides auf ungewöhnliche Weise zusammen: den Homo ludens und die Möglichkeiten von Game Design, Szenografie und digitaler Technik. Geschichte wird hier nicht nur gezeigt und erklärt, sondern spielerisch erfahrbar. Die Possehl-Stiftung unterstützt dieses Experiment sehr gern – gerade weil das EHM hier den Mut hat, neue Formen der Vermittlung auszuprobieren.«
Kein Rundgang, sondern ein Abenteuer
»Let’s play Mittelalter« ist kein Rundgang, sondern ein Abenteuer. Die Gäste erstellen einen eigenen Avatar, lösen Aufgaben, sammeln Erfahrungspunkte und entscheiden selbst, welchen Weg sie durch die mittelalterliche Welt einschlagen. Ein Turnierplatz, ein festliches Bankett im Grünen und eine geheimnisvolle Drachenhöhle werden zu Stationen dieser Heldenreise. »Wir zeigen, wie Games Geschichte erzählen und machen das Spiel selbst zum Vermittlungsprinzip. Wer spielt, muss entscheiden, handeln und ausprobieren. Und erlebt, dass Geschichte immer auch von Perspektiven und Erzählweisen geprägt ist«, sagt Franziska Evers, die Kuratorin der Ausstellung. So treffen historische Forschung, Popkultur und zeitgenössische Spielwelten aufeinander. Die Ausstellung fragt, welche Bilder vom Mittelalter Games erzeugen, was sie sichtbar machen und was sie ausblenden. Geschichte erscheint dabei als offene Erzählung, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder neu erschließt.
Ergänzt wird das Ausstellungserlebnis durch ein eigenes Gaming-Lab, eine Taverne zum Verweilen und besondere Leihgaben aus anderen Museen. Darunter der Hörnerhelm aus dem Richard-Wagner-Museum in Bayreuth und die Ritter-Aquamanile, eine Leihgabe der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf in Schleswig. Kooperationen mit Content-Creator:innen aus der Gaming-Community tragen den Diskurs in digitale Öffentlichkeiten.
Zusammenarbeit mit Expert:innen
Für die Umsetzung arbeitet das Europäische Hansemuseum mit Expertinnen und Experten aus Game Design, Szenografie und Medienkunst zusammen. Die vielfach ausgezeichnete Agentur Liquid gestaltet die visuellen Erlebnisräume. Für die Agentur war es »wahnsinnig spannend«, Gaming im Kontext des Museums zu denken. »Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, Gamerinnen und Gamer durch Insider-Wissen, zahlreiche Referenzen und Easter Eggs abzuholen und gleichermaßen Museumsbesuchende ohne große Gaming-Erfahrung mit auf die Reise zu nehmen und so vielleicht einen Zugang in die Welt des Computerspielens zu ermöglichen«, sagt die Agentur Liquid.
Eine separate Website zur Sonderausstellung, mit vielen zusätzlichen Informationen, gibt es unter letsplaymittelalter.hansemuseum.eu.



