Zwischen Normalität und Disruption

Juni 2020: Museen haben geöffnet. Auf den öffentlich zugänglichen Terrassen des Europäischen Hansemuseums herrscht manchmal schon ein buntes Treiben. Nach der zweimonatigen Schließung sind bald Konzerte erlaubt. Erste Touristen kommen aus dem Süden. Die Besuchszahlen erholen sich, gedämpft nur noch vom Strandwetter. Zeit für einen Moment des Luftholens – an der Türschwelle zur Normalität.

20. Juni 2020 · 16:40 Uhr English version

Das Europäische Hansemuseum mit Lübeck im Hintergrund

Das Europäische Hansemuseum widmet sich der Wirtschaftsgeschichte. Das alte Handelsnetzwerk, aber auch seine Bedeutung für die Kultur und seine Relevanz für die Gegenwart werden uns täglich bewusst. Heutige Nachrichten zur Corona-Epidemie, Lockdowns und Hygiene-Maßnahmen haben viele von uns daher schnell unbewusst eingeordnet in das vielschichtige, imaginäre Modell von Handelsbeziehungen, Geld- und Warenströmen, Einzelschicksalen – wie im Mittelalter so heute.

Das Wirtschaftsmodell

Eine Stadt wie Lübeck hatte sich einst zu einer wohlhabenden großen Stadt im Zentrum des nordeuropäischen Wegenetzes aufgeschwungen – durch Handel zwischen so entfernten Punkten wie Nowgorod und London. Handel bedeutet Reisen, Reisen bedeutet Begegnung. Daraus entstanden Reichtümer und gebaute Pracht. Im Frühjahr 2020 wurden nicht nur Museen, sondern auch Grenzen geschlossen, Begegnungen verboten, der Handel schwierig. Und hier ahnt man – eben vor dem Hintergrund unserer Geschichte –  was der Rückzug aus einem schon immer globalen Handelsnetz bedeutet: keine Begegnungen, keine Reisen, kein Handel.

Der Schock

Vor allem im Museum zeigte sich: Das Haus ohne Gäste nimmt sich aus wie ein Spukschloss. Der Mensch fehlt, das Licht ausgeschaltet, der Blick aus dem Fenster zeigt leere Gassen und Höfe. Zur Sorge um die eigene Zukunft gesellt sich die Sorge um den Zustand da draußen, in aller Welt, seien es weltweite Ausgangssperren, Wanderarbeiter in Indien, gestrandete Touristen oder die Kolleg*innen in Kurzarbeit. Nicht nur die Hanse war auf Kontakte angewiesen.

Die Digitalisierung

»Wir müssen etwas tun. Man muss diese Menschen, zu Hause eingeschlossen, jetzt erreichen und unterhalten« – geprägt vom Verlangen, zu vermitteln und zu unterhalten haben die Teams von Bildung & Vermittlung, Wissenschaft Marketing, Vertrieb und Presse ein breit aufgestelltes digitales Museum »gebaut«. So wurden bereits begonnene Formate beschleunigt, wissenschaftlich untermauerte Gespräche einerseits und kurze Stories zur Unterhaltung anderseits. Interview-Videos wurden gedreht (»How I Met The Hanse«), Mitarbeitende stellten Ihre Lieblingsobjekte vor (»InsideEHM«), Live-Führungen öffneten virtuell die verschlossenen Türen. Die Sonderausstellung wurde digitalisiert, als 360°-Rundgang in guter Qualität wird sie auch nach ihrem Ende zu besuchen sein. Mitarbeiter*innen zeigten nicht ganz ernst gemeinte Jagdszenen im leeren Museum unter dem Hashtag #crazyfriday. In der Zusammenarbeit von Bildung & Vermittlung und unserer Forschungsstelle reiften mehrere interaktive Quellenprojekte, darunter Hanse.Quellen.Lesen und das Schulprojekt Hansequellen für den Unterricht. Fazit: Es ist schließlich mehr entstanden als ein digitaler Zwilling des Museums. Viele Digitalformate öffneten neue und eigene Sichtweisen. Sie bieten weit mehr als einen Ersatz für das geschlossene Haus – dessen Besuch sie auch nicht kompensieren wollen.

Eines von zahlreichen Interviews: Direktorin Dr. Felicia Sternfeld mit Dr. Uve Samuels (CEO von SQUARE HSBA Innovation) im Gespräch über sein Projekt ›Hanse Digital‹

Die Disruption

Für die digitalen Vermittlungsangebote bekam das Museum jüngst über die sozialen Medien ein Lob: »Andere planen, das Hansemuseum macht«. Das klingt schön forsch und freut uns. Dennoch steckte hinter dem umfassenden digitalen Angebot, das hier von Schulführungen bis zu Insider-Videos aufgestellt wurde, ein disruptiver und turbulenter Prozess, den man von außen kaum sieht. Diverse Kolleg*innen fanden sich in neuen Aufgaben wieder, Teams wurden neu zusammengesetzt, die Digitalisierung machte einen gewaltigen Sprung. Neue Kommunikationsinstrumente wie Trello oder Slack wurden verbindlich eingeführt. Die Installierung von Remote-Verbindungen war die Hauptbeschäftigung eines Technik-Kollegen, der auch sonst nicht über mangelnde Auslastung klagen konnte. Zeitgleich liefen Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum fünften Geburtstag des Museums (bei stetig wechselnden Rahmenbedingungen). So etwas geht nicht ohne Anspannung, teilweise auch Zermürbung. Die Arbeitszeiten wurden länger und auf den Schock der Schließung folgte eine zumindest unterhaltsame Verausgabung.

Die Ablenkung

Ein Großteil der Energie, die wir aufbringen, um mit digitalen Formaten, Menschen zu Hause zu erreichen, ist sicherlich auch eine heilsame Ablenkung von unseren Sorgen. So entstand vielleicht sogar doppelt Gutes. Die Wut, mit der sich manche in neue Aufgaben stürzten, hat – so hören wir – vielen digitalen Gästen ebenfalls zu etwas Ablenkung verholfen. Für einen kurzen Moment sind Mindestabstand, Schutzmasken oder Kurzarbeit vergessen. Für einen kurzen Moment immerhin.

Während der Cholera im 19. Jahrhundert hatte Christian Jürgensen Thomsen (1788 – 1856), Direktor des Nationalmuseums in Kopenhagen, sich bemüht, sein Haus offen zu halten, weil er den positiven Effekt der Kultur auf das Gemeinwohl gesehen hat: »Solange die Menschen durch das Museum gehen, denken sie nicht an die Krankheit« (https://www.weekendavisen.dk/2020-15/samfund/corona-kolera-og-kultur-kroner). Heute wissen wir nicht nur um die Relevanz psychosomatischer Effekte, Placebo, Meditation und Mental Health. Wir kennen vor allem aus eigener Erfahrung den hohen Wert der Ablenkung.

Die Wiedereröffnung

Nach vielen Wochen und vielen Vorbereitungen für einen hygienisch sicheren Besuch war er einfach irgendwann da: der Moment der Wiedereröffnung. Die schweren Türen geöffnet, das Foyer zu einem Einbahn-Parcours gestaltet, Desinfektionsmittel verteilt – alles mit dem Ziel, nur Inhalten zu begegnen und keinen anderen Gästen. Dennoch war es kein »steriler« Augenblick: Die ersten sollten Blumen bekommen. Ein Pressefotograf wartete mit uns. Freude bei dem jungen Paar, neu zugezogen, über die Beachtung – für uns sehr emotional. Diese Emotion gibt es auch nur vor Ort. Und heute? Knapp einen Monat nach dem Reopening ist längst noch keine Normalität eingekehrt. Wie die gesamte Kulturlandschaft verharren wir in einem uns noch unbekannten Zwischenzustand. Wir freuen uns auf Gäste und warten auf die Normalität – und erkunden weiter digitale Möglichkeiten.

Große Freude: Die ersten Besucher*innen

Das Erzählen

Wir wissen, was wir können und was wir nicht können. Corona und die damit verbundenen Maßnahmen haben uns geschadet, die wirtschaftlichen Einbußen sind nicht einmal absehbar. Aber das ganze Chaos hat uns auch genützt. Es gibt Geschichten fürs Lagerfeuer und es gibt Geschichten fürs Fernsehen. Es gibt Geschichten, die lassen sich nur vor Ort, in einem Museum erzählen. Und es gibt Geschichten, die lassen sich am besten in einer digital vernetzten Welt erzählen. Diesen Erzählfaden haben wir aufgenommen.

Unser Einsatz, unsere Ideen rund um das #hansemuseumdigital  bekamen den erhofften Beifall. Das Europäische Hansemuseum hat sein Profil geschärft. Vor allem die Kommentare der User bei den ersten Live-Führungen online waren am wichtigsten – meist ein Dank für den virtuellen Einblick, für die Vermittlung und dafür, dass dann doch irgendwie jemand »da« war. Vielleicht war dieses Gefühl sozialer Nähe nicht von Dauer, reichte nicht als Trost über Monate hinweg. Doch da, für diesen kurzen Moment war jemand abgelenkt. So ist aus diesem Chaos etwas Gutes entstanden.